Frühjahrskuren
Dieser Beitrag ist veröffentlicht in: Weleda Nachrichten Heft 197 CH-Ostern 1996
Einführung.
Unter den wohltuenden ersten Strahlen der Frühlingssonne reinigen Wind und Regen die Erdoberfläche von den im vergangenen Herbst verwelkten und im Winter vertrockneten Pflanzenresten, um so Platz für neues Leben zu schaffen. Die Starre des Winters löst sich auf und fast gleichzeitig beginnt das junge Leben sich zu regen. Der Mensch freut sich an seinem Grünen und Blühen, Sprossen und Sprießen.
Obwohl sich der moderne Mensch in seinen Städten, Häusern und Autos den wechselnden Einflüssen der Jahreszeiten weitgehend entzieht, zieht es ihn im Frühling vermehrt in die Natur. Er wird bewegungsfreudig, genießt während seiner Sonntagsspaziergänge die Frühlingssonne und atmet dabei wieder einmal kräftig durch. Die erfrischende, belebende Wirkung einer Frühlingswanderung nach der dunklen und kalten Jahreszeit ist ein wahres Gottesgeschenk.
Wir sind lange nicht mehr so intensiv in die Natur und ihre Rhythmen eingebunden wie noch unsere Vorfahren und die uns umgebende Pflanzen- und Tierwelt. Dafür können wir heute - im Gegensatz zu jenen - den Sinn und die Notwendigkeit rhythmischen Lebens mit unseren Erkenntnis- und Willenskräften neu durchdringen, um uns in Freiheit verstärkt diesen reinigenden und erneuernden Kräfte der Natur anzuschließen und in uns wirksam zu machen.
Die Natur selber schenkt dazu die wirksamste Hilfe in Form von wild wachsenden Kräutern und Gemüsen. Die Einflüsse der Ernährung auf den Menschen werden heute ganz einseitig durch die naturwissenschaftlich-materialistische Brille hindurch gesehen und die Möglichkeit des Einsatzes von Wildkräutern kaum beachtet. Dabei können richtig durchgeführte Frühjahrskuren eine ungeahnte Wirksamkeit bei der Überwindung von chronischen Erkrankungen wie z.B. rheumatische Beschwerden, Infektionen (u.a. Candida Albicans), Depressionen, Müdigkeit, schlechter Laune und Trägheit entfalten.
Aus einem klaren Durchschauen der Auf- und Abbauvorgänge im Menschen und dem Wissen um die Wirkung der Wildkräuter lassen sich wesentliche Schlußfolgerungen ableiten für die Durchführung von Reinigungskuren.
Von den Auf- und Abbauvorgängen im Menschen.
Der Substanz aller Stoffwechselorgane, Muskeln, Sinnesorgane, Knochen etc. im menschlichen Organismus werden im ständigen Strom des „Stoffwechsels“ ab- und wieder aufgebaut. Nach ca. sieben Jahren ist die gesamte körperliche Substanz vollständig umgewandelt, erneuert.
Das Gleichgewicht zwischen Auf- und Abbau ist je nach Lebensalter, Jahreszeit, körperlicher und geistiger Aktivität, Gesundheits- und Ernährungssituation unterschiedlich. Beim kleinen Kind wird der physische Organismus naturgemäß überwiegend aufgebaut, während er im Alter mehr abgebaut wird. In die Lebensmitte halten sich Auf- und Abbauprozesse die Waage.
Deshalb können regelmäßig Reinigungskuren für jeden Menschen ab seinem 35. Lebensjahr eine sinnvolle Hilfe sein. Durch die Abbauprozesse entstehen nämlich Substanzen wie Harnsäure, Harnstoff und Bilirubin, die vom Organismus nicht mehr im Lebensstrom gehalten werden können. Diese Substanzen tendieren danach, der Schwere zu verfallen und der Organismus versucht, sie mit mehr oder weniger Erfolg auszuscheiden. Beim vermehrten Auftreten ‘ausscheidungspflichtiger’ Substanzen (z.B. im alten oder im kranken Organismus) oder bei herabgesetzter Ausscheidungsfähigkeit als Folge einer Nierenschwäche werden diese Stoffe (vorübergehend) abgelagert. Die Naturmedizin spricht in diesem Falle gerne von einer ‘latenten Übersäuerung’. So sind Gicht und andere rheumatische Beschwerden dadurch bedingt, daß die im Organismus, vor allem durch den Eiweißstoffwechsel, entstehenden Abbauprodukte nicht richtig aufgelöst und ausgeschieden werden können. Im Innern der Gelenke, Muskeln und Organe lagert sich z.B. Harnsäure ab.
Wachen und Schlafen.
Das Tagesbewußtsein und die körperliche Aktivität des Menschen können sich nur entfalten, wenn Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße abgebaut werden. Dabei bilden sich in jedem menschlichen Organismus im Tagesverlauf vermehrt ausscheidungspflichtige Substanzen, die nur teilweise ausgeschieden werden. Der Rest wird vorübergehend, vor allem im Bindegewebe, abgelagert. Das ist ein Grund dafür, daß wir am Abend schwer und müde werden.
Diese Substanzen müssen nun sogleich durch den Schlaf wieder aufgelöst und weggeräumt werden. Nach einem erholsamen Schlaf ist man wieder frisch, munter und rein. Während des Schlafes leben wir mit unserem Kraft verbrauchenden, also Abbau bewirkenden, Bewußtsein außerhalb unserer physischen Organisation. Diese hat so die Möglichkeit, die tagsüber abgelagerten Substanzen auszuscheiden. Deshalb ist der Morgen-Urin auch dunkel.
Rudolf Steiner weist auf Folgendes hin „In der Wiederauflösung des Abgelagerten übt der wohltätige Schlaf auf uns dasjenige aus, was wir brauchen, damit wir neuerdings die bewußten Gedanken im wachen Tagesleben entwickeln können“. Bei Schlafstörungen erschwert sich dieser Reinigungsprozeß außerordentlich, weswegen sehr viel gewonnen ist, wenn der chronisch kranke Mensch wieder einmal richtig schlafen kann. Die natürliche Reinigung durch den Schlaf ist unersetzlich. Mit Hilfe einer Reinigungskur ist es jedoch möglich, den Organismus zu unterstützen.
Ergreifen, Wiederauflösen und Ausscheiden.
Nun erfolgt der Reinigung im Lebendigen nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Eine abgelagerte Substanz, die sich im Organismus festgesetzt hat, kann nicht so ohne weiteres ausgeschieden werden. Dazu muß sie erst einmal ergriffen und in Körperflüssigkeit aufgelöst werden. Unter Umstände schlägt nämlich die heilende Anregung einer Ausscheidung mit Birkenblättern gar nicht an, weil die Ablagerungen noch nicht genügend aufgelöst sind.
Ergreift der Organismus selber die Ablagerungen oder Fremdorganismen, dann erzeugt er dabei Wärme. Im Falle einer Entzündung wird an einer ganz bestimmten Stelle eine höhere Aktivität entwickelt, also mehr Wärme erzeugt und die Fremdsubstanz angegriffen. Erst dann können Auflösung und Ausscheidung erfolgen.
Bei der Durchführung einer Reinigungskur ist es deshalb wichtig, die Ablagerungsprozesse anzusprechen mit z.B. (Wechsel)-Bädern, (Bienenwachs)-Packungen, Massagen und Heileurythmie.
Die Auflösung hängt intim zusammen mit jungem, frischem Leben. Dieses junge Leben ist immer reich an Wässrigem. Alles wird in Lösung gehalten. Wird das Leben, z.B. beim älteren Menschen, schwächer und zieht es sich zurück aus seiner leibgebundenen Tätigkeiten, dann fängt der Körper an auszutrocknen.
Die Auflösungsprozesse im Rahmen der Reinigungskur im Frühjahr können erfolgreich gefördert werden mit z.B. Keimlingen und Sprossen. Das Auskauen von einer Handvoll Weizen- oder Gerstengras ist das Einfachste (zweimal täglich, beginnend am besten morgens in Frühe, frisch gepflückt vom biologisch-dynamisch bewirtschafteten Acker). Eine weitere Unterstützung ist möglich mit einem Tee aus Queckenwurzel. Die Ausscheidungsprozesse können, wie schon erwähnt, wirkungsvoll unterstützt werden mit Birkenbitter oder Birkenelixier, aber auch mit milchsauren Produkten (z.B. Kwaß und Sauermolke).
Eine Frühjahrskur kann etwa vier Wochen lang durchgeführt werden. Während dieser Zeit sollte man Fleisch, Fisch und Eier weitgehend meiden. Auch der Gebrauch von Milch und Milchprodukten sollte eingeschränkt werden, wobei milchgesäuerte Produkte zu bevorzugen sind. Während dieser Zeit sollte man auch lange Gekochtes, Gebratenes, Gebackenes, Aufgewärmtes, Fertigprodukte und Tiefgefrorenes, Zucker und Produkten aus hellem Mehl, gereifte Käsesorten wie Bergkäse, Camembert, Brie, Gorgonzola etc. meiden.
Ideal ist eine schlichte, ehrliche, weitgehend naturbelassene Vollwertkost auf Getreidegrundlage mit hohem (ca. die Hälfte) Rohkostanteil. Die Menge an Nahrung sollte frei nach einem arabischem Spruch gewählt werden: „Iß ein Drittel, trink ein Drittel, ein Drittel laß leer fürs Nachdenken“, wobei man erst essen sollte wenn man richtig Appetit hat, sich nicht ganz sättigt, sondern mit Lust aufhört zu essen.
Nachdrücklich sei erwähnt, daß diese Ernährungsweise sich nicht als Dauerkost, sondern nur zur kurmäßigen Anwendung eignet und daß kranke Menschen sich mit Arzt und/oder DiätberaterIn abstimmen sollten